Die Impfung und die Zebramanguste

2021-01-16

Der Unterschied zwischen Werbung und Realität wird wieder einmal deutlich an der Parole der Bundesregierung, die auf Plakaten zum Sieg über das Virus auffordert. Die Stadt Stuttgart möchte die Zweifel ihrer Pflegekräfte, was das Impfen angeht, zwar ernst nehmen, tut es aber dann doch nicht. Und der Unterschied zwischen relativ und absolut ist auch bei der Impfstoffwirkung entscheidend.

„Wir werden das Virus besiegen“ ruft mir ein Plakat am Stuttgarter Hauptbahnhof entgegen, bevor es von der Display-Mechanik in die Versenkung befördert wird und einer Information über die Zebra-Manguste Platz macht, ein Tier, das südlich der Sahara lebt. Da wird es wieder einmal deutlich: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien“, stellte der Soziologe Niklas Luhmann fest. Die Medien, in diesem Fall die Bahnhofswerbung, lassen uns die Welt der Zebra-Mangusten erleben, und sie machen uns glauben, dass wir das Virus besiegen werden. Und dass dann alles gut wird.

Tatsache ist, dass bisher das Pocken- und das Polio-Virus fast besiegt, also ausgerottet werden konnten. Das hat aber Jahrzehnte gedauert und klappt nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Nämlich: Das Virus behält dauerhaft seine typischen Merkmale, also mutiert nicht oder nur selten.Das Virus kommt möglichst nur beim Menschen vor und nicht bei Tieren.Der Impfstoff ist hoch wirksam, wirkt lang und ist sicher. Beim Corona-Virus trifft das alles nicht zu, und über die derzeitigen Impfstoffe weiß noch niemand, was sie auf die Dauer bringen.

Aber die Stuttgarter Stadtverwaltung lässt sich jedenfalls nicht beirren. Sie möchte die mehr als 1.000 Pflegekräfte in den städtischen Einrichtungen motivieren, sich gegen Corona impfen zu lassen. Zweifel nehme man ernst, heißt es. Ist das so? Oder will die Stadt ihr medizinisches Fachpersonal gedanklich bemuttern? Traut sie ihren Pflegefachkräften nicht zu, selber zu denken und zu urteilen?

Übrigens: Es hieß doch, die Impfung sei zu 90 Prozent wirksam. Haben Sie mal nachgerechnet, was das bedeutet? Sind dann 90 Prozent der Geimpften geschützt? Nein, die Angabe bezieht sich nicht auf die geimpften Personen, sondern auf die Infizierten. Das ist ein großer Unterschied.

Wir machen mal eine Beispiel-Rechnung. Angenommen, von 1.000 Personen ohne Impfung erkrankt ein Prozent an Covid, also 10 Personen. Und von 1.000 Geimpften erkrankt nur einer, also neun bleiben symptomfrei. Dann kann man als PR-Spezialist zwar sagen: Neun von zehn sind 90 Prozent. Das sei die Impfwirkung. Aber das ist eine Verzerrung der Tatsachen. Denn man muss 1.000 Menschen impfen, um neun Personen vor einer Erkrankung zu schützen. Neun von Tausend. Das setzen wir jetzt ins Verhältnis zu den Risiken und Nebenwirkungen der Impfung für die Tausend. Und erst, wenn dieser Vergleich zu Gunsten der Impfung ausfällt, erst dann hätten wir ein gutes Argument für die Impfung.

Also: Lassen Sie sich nicht von Werbung und PR an der Nase herum führen. Denken Sie daran, wenn Ihne das nächste Mal eine Zebra-Manguste über den Weg läuft. Vielleicht bringt das Glück.

Titelbild: pxhere